Kuratieren in einem gesamteuropäischen Rahmen

Welche wissenschaftlichen Werke haben die Arbeit am Ausstellungskonzept besonders stark beeinflusst?

Ich möchte als erstes den Schweizer Autor Adolf Muschg erwähnen. Wegweisend auf der Suche nach der theoretischen Grundlage für die Dauerausstellung war sein Artikel „Gedanken zur europäischen Identität“. Was Europa zusammenhält, aber auch was es trennt, so erklärt Muschg in diesem Text, ist das gemeinsame Gedächtnis. Auch die Arbeiten von Maurice Halbwachs, Pierre Nora und Aleida Assmann waren grundlegend, um unser Konzept eines kulturellen Gedächtnisses zu entwickeln. 

Was die inhaltliche Konzeption des HdeG betrifft, so gibt es verschiedene Werke, die von fundamentaler Bedeutung für unsere Form der Präsentation der europäischen Geschichte gewesen sind: „Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“ von Tony Judt, „Das Zeitalter der Extreme“ von Eric Hobsbawm und „Die Verwandlung der Welt“ von Jürgen Osterhammel. Diese Werke sind von einem außerordentlichen Detailreichtum und in ihrer auf europäische Zusammenhänge ausgerichteten Perspektive vorbildlich.

Außerdem möchte ich das Werk des französischen Philosophen Edgar Morin anführen: „Penser l`Europe“ (Europa denken). Dieser Text ist bemerkenswert, weil er die treibenden Kräfte untersucht, welche die Komplexität der europäischen „Einheit in Vielfalt“ erklären können.

In welchem Ausmaß haben diese Kräfte den inhaltlichen Aufbau des Museums bestimmt?

Die Dauerausstellung beginnt im 19. Jahrhundert, in dem umwälzende Ideen und Konzepte zum Durchbruch gelangten, die Europas Weg in die Moderne geprägt haben: Die Idee der parlamentarischen Demokratie, der Volksherrschaft, der Liberalismus, der Kapitalismus, der Sozialismus oder der Wohlfahrtstaat. Die Ausstellung zeigt die Entwicklung und allmähliche Durchsetzung dieser Konzepte und geht der Frage nach: Wie konnte es passieren, dass die Rationalität, die das 19. Jahrhundert bestimmte, dann im 20. Jahrhundert in extreme Irrationalität umschlug?

Ein einzigartiges Charakteristikum des Museums ist seine gesamteuropäische, nicht national geprägte Sichtweise auf die europäische Geschichte. Könnten Sie dazu etwas sagen?

Wir haben frühzeitig drei Hauptkriterien für die Themenauswahl bestimmt: Wir konzentrieren uns auf Ereignisse, Entwicklungen und Phänomene, die erstens in Europa entstanden sind, die zweitens ihre Wirkung auf dem gesamten Kontinent entfaltet haben und die drittens bis heute von Bedeutung sind.

Wie müssen Kuratoren vorgehen, wenn sie länderübergreifenden Themen bearbeiten?

Recherche, Lektüre und Objektsuche sollen stets auf europäische Phänomene ausgerichtet sein. Die Kuratoren sollten einiges von dem zurückstellen, was während der Ausbildung im Zentrum stand und die Betrachtung der Geschichte aus nationalstaatlicher Perspektive überwinden. Jede Region und jeder Staat pflegt eine jeweils eigene Erinnerungskultur. Der Erste Weltkrieg etwa hatte für Deutschland, Frankreich oder Polen eine ganz andere Bedeutung.  Unser Ziel ist es, einen Überblick über die europäische Geschichte zu geben, in dem die unterschiedlichen Erfahrungen eingeordnet und verständlich gemacht werden.

Die Kuratoren des Teams sind nicht nur Historiker, sondern kommen auch aus verschiedenen anderen Disziplinen. Welche Fachgebiete waren für Sie relevant und für die Konzeption der Dauerausstellung von Bedeutung?

Alle Fachkenntnisse sind willkommen. Ein Museum ist ein Medium, das alle Sinne anspricht: Es sollte eine intellektuelle Herausforderung darstellen, die Neugier befriedigen, Spaß machen, Inspiration und Bereicherung bieten. Was die Recherche nach den Exponaten angeht, so müssen Kuratoren ein Gefühl für Ästhetik und die Attraktivität der Gegenstände haben. Jeder Kurator hat im Team eine andere Rolle und bringt seine eigenen Stärken ein. Es ist eine Stärke unseres Teams, dass wir all diese Talente zusammenbringen konnten, um ein facettenreiches Ergebnis zu schaffen.